Ohne Öl läuft nichts!
Wednesday, 01. September 2010 -

Ein neues Buch übers Öl erregt die Gemüter. Schonungslos offenbart der Journalist und Schriftsteller Peter Maass darin die grausamen Wahrheiten, die sich hinter den Milliardengewinnen der Ölindustrie verbergen. Der Autor greift dabei keineswegs auf althergebrachte Klischees und Kategorisierungen zurück, wie vielleicht der deutsche Untertitel von „Öl – das blutige Geschäft“ suggerieren mag. Vier Jahre dauerten seine tiefgründigen Recherchen. Die aktuelle Veröffentlichung ist auch ein Grund für uns, einige ausgewählte Fakten aus dem Geschäft mit dem „schwarzen Gold“ genauer zu analysieren.

Fast alle Güter und Waren der westlichen Welt bestehen aus Öl oder enthalten dieses zumindest. Lippenstift, Kleidung, Plastik-Wasserflachen – sogar in der Zahnpasta steckt das dickflüssige Wasserstoffgemisch. Zudem funktionieren die meisten Heizungen, Motoren und Turbinen auf Basis des fossilen Energieträgers. So kann man sagen, dass wir uns heute in einer Abhängigkeit vom Öl befinden, die durchaus mit einer schweren Drogensucht vergleichbar ist. Und wie bei jeder Sucht, verdrängt der Abhängige diese Tatsache, bis es zu spät ist.

Jede Droge scheint erst einmal unheimlich faszinierend zu sein. Das böse Erwachen kommt erst später, wenn man nicht mehr davon los kommt. So ist es auch mit dem Öl: Die rasante Entwicklung des Wohlstands in den Industrieländern der letzten knapp 100 Jahre basierte vor allem auf einem – der Erschließung billiger Energie durch die industrielle Förderung von Öl und dessen Weiterverarbeitung.

Mit dem neuen Reichtum einher ging eine Bevölkerungsexplosion hyperexponentiellen Wachstums. Allein in den letzten 25 Jahren verdoppelte sich die Zahl der Menschen weltweit. Doch Öl ist eine stark begrenze Ressource. Würde sie heutet zu Ende gehen, würden unsere Gesellschaftssysteme wie Kartenhäuser zusammenfallen. Auch jedem Drogensüchtigen droht bei Entzug der Kollaps.

Dabei muss das Öl nicht einmal zu Ende gehen, bevor es kritisch wird. Es reicht aus, wenn der Öldruck der angebohrten Ölfelder sinkt – und das tut er nach Meinung unabhängiger Experten schon seit einigen Jahren. Man spricht vom sogenannten Peak Oil. Danach wird Öl immer teurer, denn es kann weniger gefördert werden und wird damit - mehr oder weniger unfreiwillig - verknappt. Muss das Öl erst aus der Tiefe gepumpt werden, schnellen die Preise in die Höhe, denn entsprechende Förderverfahren sind sehr kostenintensiv.

Von den Erdölstaaten und der Ölindustrie darf man über den Peak Oil keinerlei objektive Auskünfte erwarten. Sie haben ein Interesse, den Ölhahn so lange wie möglich auf zu halten, um so ihr Kapital zu schützen. Man stelle sich nur vor, ein Ölunternehmen würde zugeben, dass Öl knapper ist als weithin angenommen. Ihre Aktien würden an der Börse noch am selben Tag ins Bodenlose abstürzen.  

Abhängigkeit führt zu Beschaffungskriminalität  

Ist man erst einmal von einer Droge abhängig geworden, muss man dafür sorgen, dass der Nachschub unter keinen Umständen ins Stocken gerät. Man ist in einen Teufelskreis geraten, aus dem es kein Entrinnen gibt. Im Notfall gilt es alle Mittel aufzuwenden, um an das begehrte Gut zu gelangen. Man spricht von der sogenannten Beschaffungskriminalität – und die gibt es auch beim Öl.

Der bereits erwähnte und mehrfach ausgezeichnete amerikanische Journalist Peter Maass, langjähriger Auslandskorrespondent der Washington Post und heute Redakteur beim New York Times Magazine dokumentiert in seinem Buch das kriminelle Vorgehen der Ölmultis in vielen Teilen der Welt ausführlich.

Beispiel Ecuador: Für Förderrechte bezahlte Texaco die einheimischen Indios, die nicht einmal die die offizielle Landessprache Spanisch beherrschen, mit Brot, Käse und Tellern. Das bei der Ölförderung austretende Erdgas wurde anschließend nicht umweltgerecht entsorgt, sondern einfach abgefackelt. Die freiwerdenden Gase verursachten bei den Indios schwerste Krankheiten bis hin zum Krebs. Leider keine Ausnahme!

Beispiel Nigeria: Lecke Pipelines von Shell verseuchen bis heute Boden und Gewässer. Ganze Landstriche sind mit radioaktivem Bohrschlamm überzogen. Maass fand bei seinen Recherchen heraus, dass dieser auch in Großbritannien nicht rechtmäßig entsorgt wird. Er wird schlicht in die Nordsee geleitet wird.

Wir tragen alle Schuld

Es „führt eine Spur vom Golf zu jedem Erdölverbraucher in der westlichen Welt“, kommentierte Bundesumweltminister Röttgen die Deepwater-Horizon-Ölkatastrophe. Letztlich meinte er damit, dass das Verhalten der Ölkonzerne nur den verlängerten Arm unseres Selbstverständnisses und unserer Lebensweise darstellt. Wir sind praktisch selbst schuld an den Verbrechen an der Umwelt und den Menschen. Die Machenschaften, die zur Katastrophe im mexikanischen Golf Mitte April diesen Jahres führten, stellen dabei nur die Spitze des Eisbergs dar.

Nach Maass mischt sich auch Blut mit ins Öl. Beispeisweise beteiligten sich Ölkonzerne aktiv an dem Drama rund um den in Nigeria stattfindenden Bürgerkrieg. Dabei wird der eh nur wegen des Streits um die Verteilung der Ölgewinne geführt: „Ausländische Firmen schürten den Konflikt, indem sie beide Seiten finanziell unterstützten: Das Militär wurde bezahlt, um die Ölquellen zu beschützen; die [Rebellen-]Milizen wurden bezahlt, um jene nicht anzugreifen“.

Über die heuchlerische Blindheit, die nicht nur in den USA über die Herkunft des Öls vorherrscht, kann sich Maass nur wundern: „Die Amerikaner sind zwar entsetzt, wenn sie hören, dass die Modeartikel des TV-Gameshow-Stars Kathie Lee Gifford in Kinderarbeit gefertigt werden, doch sie wollen auf gar keinen Fall hören, dass das Benzin für ihre Geländelimousinen nicht ohne Blutvergießen zu haben ist. Solche Wahrheiten sind im wahrsten Sinne des Wortes unaussprechlich.“

Auch in Deutschland ist die Empörung groß, wenn Wahrheiten direkt ausgesprochen werden. Vor ein paar Monaten ist gar der Bundespräsident zurückgetreten, weil er sich kritisch über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan äußerte und dafür harsche Kritik einstecken musste: „So wie Autos nicht mit unraffiniertem Rohöl fahren können, so geraten auch politische System ins Stottern, wenn ungefiltert davon die Rede ist, dass ein Krieg um des Öls Willen geführt wird.“

Zudem bescheinigt Maass der Ölbranche, für Korruption anfälliger zu sein als andere Wirtschaftszweige: "In der Erdölindustrie kommt es nicht darauf an, ein gutes Auto herzustellen, das die Kunden überzeugt, sondern darauf, sich die Förderlizenzen zu sichern, die die Regierungen vergeben. Es geht um sehr viel Geld und es herrscht ein enormer Druck, den Zuschlag zu ergattern. So etwas lässt sich beschleunigen, indem man versucht, Leute zu bestechen."

Zu beklagen sei weiter, dass die Ölindustrie mittlerweile so mächtig ist, dass sie selbst die Justiz ohne Probleme aushebeln kann:

"Ölkonzerne können es sich leisten, endlos in Revision zu gehen. Im Jahr 1994 drohte Exxon wegen der Havarie der Exxon Valdez von einem Geschworenengericht in Alaska zu einer Schadensersatzzahlung von fünf Milliarden Dollar verurteilt zu werden. Durch Berufungen wurde die Zahlung bis 2008 ausgesetzt und dann entschied der Oberste Gerichtshof, Exxon müsse ungefähr 500 Millionen Dollar zahlen. Inzwischen war aber fast jeder fünfte Kläger, der von der Ölkatastrophe betroffen war, bereits verstorben."

Die Ausrede ist immer die gleiche

Grundsätzlich hört man bei Ölkatastrophen von den Verantwortlichen immer denselben Sermon: „Es gab ein Problem. Es tut uns leid, was passiert ist. Wir haben das Problem behoben. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Dabei weiß jedes Kind, dass immer etwas schief gehen kann. Man sollte sich daher grundsätzlich einmal fragen, womit man überhaupt erst beginnen, oder was man von Anfang an besser sein lassen sollte. Solange Brücken gebaut werden, wird es auch Brücken geben, die einstürzen. Es ist nur eine Frage der Zeit und der Wahrscheinlichkeit, wann es zum GAU kommt. Wie sich ein solcher bei Ölbohrungen in der Tiefsee gestaltet, wissen wir jetzt jedenfalls.

Um ein letztes Mal auf die Metapher von der schweren Drogensucht und unser Abhängigkeit vom Öl zurückzukommen: Mit der Zeit stellt ein jeder Abhängige fest, dass sich plötzlich nur noch alles um die Droge dreht. Das Leben verliert an Farbe; die ehemals vielen unterschiedlichen Lebensbereiche verkümmern; und auch die körperliche Gesundheit leidet. Besonders hart trifft dies Menschen, die eh schon angeschlagen waren.

Die gleiche Krankheitssymptomatik lässt sich auch bei den meisten Ölförderstaaten diagnostizieren, die auf ihre ganz eigene Weise vom Öl abhängig sind. Beispiel Venezuela: Die Ölindustrie schafft dort zu wenig Arbeitskräfte um eine ausreichende Beschäftigungsquote zu erreichen, bringt dabei jedoch soviel Geld ein, dass die Rest-Wirtschaft buchstäblich verklebt und gelähmt wird. Maass: „Wenn der Ölsektor boomt, schrumpfen Landwirtschaft und Industrie, die Arbeitslosigkeit nimmt zu, die Inflation steigt aufgrund des Zustroms von Geldern aus dem Ölverkauf, und die Kluft zwischen Reich und Arm wird größer.“

Und so kann man eigentlich nur zu einer Erkenntnis gelangen: So geht es nicht weiter! Kurzfristig muss mehr Transparenz ins Ölgeschäft gebracht und die Korruption effektiver bekämpft werden. Zudem sollte man einen einheitlichen sozialen Kodex einzuführen, der mithilfe von Sanktionen konsequent durchgesetzt wird. Langfristig aber darf die Devise grundsätzlich nicht mehr lauten, wie man am besten an das Öl rankommt, sondern wie man endlich davon loskommt! Der Kurswechsel sollte dabei schnellstmöglich erfolgen, denn niemand weiß, wie lange das Öl noch billig bleibt. Damit wäre nicht nur etwas für den Klimawandel getan, sondern vor allem auch der Lösung vieler gesellschaftlicher Probleme weltweit ein paar Schritte näher gekommen.

 

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