Neue UN-Umweltstudie – Konzerne betreiben Raubbau an der Natur wie nie zuvor
Tuesday, 27. July 2010 -

Die Vereinten Nationen werfen den größten Konzernen der Welt schwerste Versäumnisse beim Umweltschutz vor. UN-Umweltchef Steiner warnt: „Das natürliche Kapital der Welt wird im großen Stil vernichtet“. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sei nur die Spitze des Eisbergs. In der Wirtschaft verschwende man bis heute weltweit kaum einen Gedanken an den Natur- und Artenschutz.

Wildnis, Arten, Lebensräume und Ökosysteme verschwinden in nie dagewesenem Tempo. Der Schätzung des UN-Umweltprogramms folgend, sterben Arten heute 100 Mal schneller aus, als es die Evolution vorgibt. Bis zu 130 Arten betrifft das pro Tag. Zusätzlich fallen der Holzindustrie im gleichen Zeitraum Urwälder von der anderthalbfachen Fläche der Schweiz zum Opfer, Moore werden trockengelegt, Flüsse begradigt einbetoniert, Berghänge veröden durch Erosion.

Noch 2002 hatten sich 192 Länder auf dem Umweltgipfel von Johannesburg darauf verpflichtet, bis 2010 den Verlust der Artenvielfalt „ global, regional und national“ zu bremsen – ein Scheitern auf ganzer Linie. "Der Raubbau an der Natur durch die Wirtschaft setzt sich seit Jahren ungebremst fort", kritisiert Steiner. Wildnis, Arten, Lebensräume und Ökosysteme verschwänden in nie dagewesenem Tempo.

Obwohl es müßig anmutet, den Schaden an der Natur – der Lebensgrundlage des Menschen – finanziell zu beziffern, belaufen sich die Berechnungen der Experten alleine durch die 3000 größten Konzerne weltweit auf 1,7 Billionen Euro pro Jahr. Die Verursacher aber scheint dies wenig zu interessieren. Von 1100 internationalen Top-Managern fürchtet nur jeder Vierte, Artensterben und der Verlust ganzer Ökosysteme könnten das eigene Geschäft beeinträchtigen. "In vielen Konzernen gilt noch immer die Devise: Natürliche Ressourcen sind unerschöpflich. Dabei müssen wir längst schmerzhaft spüren, dass das nicht mehr stimmt", so UNEP-Chef Steiner.

Wirklich verwundern muss die Ignoranz der transnational agierenden Konzerne aber niemanden. Die Nutzung des Ökosystems hat in vielen Bereichen keinen Marktpreis. Uns was in der Bilanz nicht aufgeführt werden muss, existiert praktisch nicht. „Kosten für die Umweltschäden tragen Versicherer, die Bevölkerung und Steuerzahler“ kritisiert Steiner. Die Vereinten Nationen fordern die Regierungen in aller Welt daher zum Umdenken auf.

 "Viele Volkswirtschaften sind noch immer blind für den enormen Einfluss der Artenvielfalt von Tieren, Pflanzen und anderen Lebensformen und ihre Rolle für die Funktion des Ökosystems", so Steiner weiter. Dies betreffe Wälder und Trinkwasservorräte ebenso wie den Boden, die Ozeane und die Atmosphäre. Allein zwölf Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche gingen so jedes Jahr verloren.

Tatsächlich steht nun vor allem die Politik in der Pflicht, endlich schärfere Rahmenbedingungen zu schaffen und den Schutz der Ökosysteme neben dem Klimaschutz als zweites Umwelt-Politikfeld zu etablieren. Durch Abgaben und Steuern müsse die Nutzung nach dem Vorbild der CO2-Verschmutzungsrechte einen Preis bekommen, fordert Steiner. Auch Studienleiter Pavan Sukhdev warnt: Mangelnde Vorgaben fördern verantwortungsloses Handeln in Unternehmen.

Erstaunlicherweise wächst der UN-Studie zufolge gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern das Bewusstsein für die wirtschaftlichen Folgen von Artensterben und Umweltverschmutzung. Während dies 50 Prozent der Konzernchefs in Lateinamerika und 45 Prozent der CEOs in Afrika als Gefahr für ihr Geschäft betrachten, sind es in Europa weniger als 20 Prozent. Ein Zeichen für mangelndes Naturverständnis in den entwickelten Industriestaaten? Man muss wissen: Ökosysteme gehen nicht allmählich danieder, sie kippen an einer kritischen Schwelle schlagartig um!

Als eine der wenigen aus den politischen Reihen meldete sich bisher die Vorsitzende der Grünen, Claudia Roth, bezüglich des Missstandes zwischen wirtschaftlichem Interesse und der Umweltproblematik zu Wort:

„Die Ergebnisse der Uno-Studie sind eine echte Katastrophe. Führende Weltkonzerne erwirtschafteten völlig ungerührt ihren Profit auf Kosten der Umwelt und der zukünftigen Generationen“, klagte Roth. „Es ist ein gefährliches Armutszeugnis, dass der Erhalt der Umwelt und die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen im Denken und Handeln der wichtigsten Konzernzentralen offenkundig immer noch keine Rolle spielen.“ Zugleich forderte sie ein rasches ordnungspolitisches Handeln und legte den Bürgern ein Konsum-Boykott nicht ökologisch produzierter Waren und Dienstleistungen ans Herz.

Dass Umweltschäden bzw. Ressourcen-Abbau in das Wirtschaftssystem mit einberechnet werden müssen, um nachhaltig zu agieren zu können, darüber ist man sich eigentlich schon seit den 80er Jahren einig. Warum die Entwicklung dennoch nur zögerlich vorangeht, bleibt fraglich. Immer wieder greift man zu dem Argument, man dürfe den wirtschaftlichen Aufschwung gerade jetzt nicht abwürgen. Hoffentlich ist es nicht der letzte Aufschwung vor dem totalen Crash.    




 

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