Neue Methode der Erdgasförderung verschmutzt die Grundwasserversorgung in den USA – und bald auch in Europa?
Friday, 20. August 2010 -

Wie gefährlich Ölbohrungen sein können, wurde der Weltöffentlichkeit durch die Explosion der Tiefseebohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko Mitte April diesen Jahres auf erschreckende Art und Weise vorgeführt. Aber ist die Förderung von Erdgas sicherer? Fest steht, dass Gas schon heute ca. 25% des weltweiten Energieverbrauch abdeckt und in den nächsten 25 Jahren fossile Brennstoffe wie Erdöl und Kohle ablösen wird. Der neue Gasboom kommt allerdings nicht von ungefähr: Mit riskanten Verfahren pressen US-Energiekonzerne selbst dort Erdgas aus dem Erdreich, wo alte Techniken versagen. Auch in Deutschland sind erste Pilotprojekte geplant.

Der Förder-Boom setzte im Jahr 2005 in Amerika ein. Konzerne wie Exxon Mobil und Halliburton begannen flächendeckend sogenannte „unkonventionelle Förderungsmethoden“ einzusetzen. Mit diesen neuen Methoden lassen sich sonst nur schwer zugängliche Quellen anzapfen. Dabei werden Gasreservoirs angezapft, die nicht aus großen und zusammenhängenden Höhlensystemen stammen, sondern aus kleinräumig verteilten und abgeschotteten unterirdischen Räumen.

"Fracken" heißt der Prozess, bei dem im Anschluss an eine Bohrung ein Hochdruckzufluss von Wasser, Salz und zahlreichen Chemikalien ins Erdreich geschossen wird, welcher Risse verursacht, durch die das Erdgas besser ausströmen kann. Der Nachteil dabei: Das mit Chemikalien versetzte Wasser der Erdgasunternehmen verschmutzt das Trinkwasser und die Raumluft in den Häusern der umliegenden Siedlungsgebiete. Denn nicht nur das Leitungswasser ist anschließend chemisch belastet – das pure Gas strömt nun aus den Wasserhähnen! Viele Anwohner berichten, sie litten unter Beschwerden, verursacht durch das kontaminierte Wasser und die vergasten Wohnräume.

Inzwischen wird die Methode in 34 US-Bundesstaaten angewandt. Bereits mehrere zehntausend Male kam sie zum Einsatz. Der Wert des Marktes ist in den Vereinigten Staaten dadurch sprunghaft angestiegen und beträgt inzwischen mehrere Milliarden Dollar. Spätestens seit die USA im Jahr 2009 Russland als weltgrößten Gasproduzenten überholten, greift das Rohstofffieber auch auf andere Kontinente über. In Deutschland starten Firmen wie Eurenergie Resource, OMV, Shell oder 3Legs Resources jetzt ebenfalls zahlreiche „unkonventionelle Bohrprojekte“. Exxon hat in diesem Bereich bereits Probebohrungen durchgeführt und weitere Unternehmen sicherten sich Konzessionen für die Erforschung potentiell geeigneter Regionen.

Die mediale Aufbereitung des Themas in den USA ist eine Warnung für Europa

Der bereits Anfang 2010 auf dem US-amerikanischen Sundance Film Festival erstmalig aufgeführte und prämierte Dokumentarfilm „Gasland“ stellt die Situation mit drastischen Bildern dar: Man sieht eine Straße, an der sich kilometerweit die Bohrtürme aufreihen. Aus Sprinkleranlagen sprüht chemikaliengetränktes Abwasser in die Luft. Wasserbrunnen explodieren, nachdem Konzerne in ihrer Nähe nach Gas gebohrt hatten. Pferden und Katzen fallen die Haare aus. Menschen leiden unter Atemwegserkrankungen. Und die Wasserhähne brennen.

Regisseur Fox hält „Fracken“ für eine "ökologische Katastrophe". "Wir erleben einen Umweltskandal, den die US-Regierung erst jetzt ernsthaft zu untersuchen beginnt - Jahre, nachdem der Förder-Boom begonnen hat". Die Umweltprobleme in den USA "sollten Europas Regierungen eine Warnung sein".

Tatsächlich ist Fracken weit gefährlicher, als es Gasunternehmen zugeben wollen. Zahlreiche Studien, die in den letzten Jahren von unabhängigen Organisationen durchgeführt wurden, bestätigen dies:

  • Laut einem Bericht des Ohio Department of Natural Ressources löste in Trinkwasser gelöstes Gas eine Explosion in einem Wohngebäude aus. Das Gas war beim „Fracken“ ins Grundwasser gelangt.
  • In Pennsylvania konnten Bürger Gasrückstände im Grundwasser nachweisen. Laut einem Inspektorenbericht waren Bohrlöcher in der betroffenen Region unzureichend zementiert worden.
  • Nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA kontaminiert jede einzelne Gasförderstätte Millionen Liter Wasser. Die Kläranlagen zeigen sich jedoch unfähig, mit derart großen Mengen umzugehen. Daher ist auch eine fachgerechte Reinigung unmöglich.
  • Die Endocrine Disruption Exchange Organisation trägt seit 2003 Informationen über die Chemikalien zusammen, die beim Fracken eingesetzt werden. Dutzende der Stoffe gelten als gesundheitsschädlich oder krebserregend.
  • Zwischen 15 und 80 Prozent des eingesetzten Chemikalien-Wasser-Sand-Gemischs werden  nach der Förderung einfach unter der Erde gelassen. Die Folgen sind bis heute kaum erforscht. Obendrein verweigern die Energiekonzerne eine detailgenaue Auflistung der eingesetzten Chemikalien.
  • Zu allem Überfluss verpesten die bei der Gasförderung zum Einsatz kommenden Kompressoren die Luft in der Umgebung. Proben in der US-Gemeinde Dish haben gezeigt, dass bestimmte Grenzwerte in der Nähe von Anlagen um mehr als den Faktor 100 überschritten wurden.

Umweltauflagen wurden von der Energielobby vorsätzlich abgeschafft

Es ist offensichtlich, dass wieder einmal  zwischen einer lange Gefahrenliste und potentiellen Milliardengewinnen abgewogen wird – leider zugunsten des Geldes. Dabei ist der Gas-Boom nicht einmal die Folge eines technologischen Durchbruchs. "Die Innovation liegt vor allem in der breiten Anwendung des Prozesses", so die Kurzstudie von ASPO Deutschland und der Energy Watch Group. Und die sei erst möglich geworden, nachdem die US-Regierung unter Bush strenge Umweltauflagen zum zentralen US-Wasserschutz beseitigt hatte.

Tatsächlich existiert die Technologie bereits seit über 60 Jahren. Vor allem Dick Cheney, der damalige Vizepräsident und frühere Halliburton-Chef setzte sich für eine Lockerung der Wasserschutzauflagen ein. Seither müssen Öl- und Gasfirmen die US-Umweltbehörde EPA nur noch in Ausnahmefällen darüber informieren, welche Chemikalien sie bei der Gasförderung in den Untergrund pressen.

Und so zeigt sich in diesem Fall einmal mehr, wie industrielle Lobbygruppen es immer wieder schaffen, das politische System zu unterwandern, mit dem Ziel sich selbst die Taschen zu füllen – und zwar auf Kosten der Umwelt und der Gesundheit der Bevölkerung. Eine Lösung scheint nicht in Sicht, es sei denn, die Gemeinden investieren endlich in eine selbständige Energieversorgung. So könnte man sich von den Energieriesen lösen, und auf diese Weise zugleich deren Macht und Einfluss begrenzen.  


 

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