Schon lange warnen unabhängige Experten vor den Risiken, die mit dem Anbau genveränderter Nutzpflanzen verbunden sind. Besonders bedenklich: Modifiziertes Genmaterial könnte sich infolge des alljährlichen Pollenflug unfreiwillig auch außerhalb der ausgewiesenen Ackerflächen fortpflanzen und dadurch natürlich gewachsene Ökosysteme nachhaltig zerstören. Nun wurden von US-Wissenschaftlern erstmals derartig wild wachsende Populationen von Pflanzen mit künstlich modifizierten Erbgut in der Natur nachgewiesen.
Das Team von Wissenschaftlern rund um Cynthia Sagers und Meredith Schafer von der "University of Arkansas" stellten die Ergebnisse ihrer neuen Studie auf dem Treffen der "Ecological Society of America" im August diesen Jahres in Pittsburgh vor. Demnach lassen sich bereits heute Gene von modifiziertem Raps in Wildpflanzen nachweisen. Da sich Raps weltweit mit mehr als 40 unterschiedlichen Pflanzen vermischen kann, und die Auswirkungen des Einbringens künstlich veränderter Gene in ein seit Millionen Jahren gewachsenes und hochkomplexes Ökosystem nicht absehbar sind, stellen die Forscher die Sinnhaftigkeit des Anbaus von genmanipulierten Nutzpflanzen generell in Frage:
"Wir kennen schlicht und einfach die möglichen Konsequenzen noch nicht, die eine Verbreitung dieser Gene auf andere Pflanzen und deren Umwelt haben können", so Schafer. "Wir wissen nicht, wie sich diese Pflanzen auswirken werden."
Besonders erschreckt vor allem der mittlerweile enorm hohe Anteil von wilden Rapspflanzen, die transgenetisches Erbgut aufweisen: Laut der Studie trugen rund 83 Prozent der untersuchten Wildsorten künstlich mutierte Gene in sich – eine Vermischung, die nur in freier Natur stattgefunden haben kann. "Schon jetzt gehen wir davon aus, dass sich diese Rapsform natürlich und somit unkontrollierbar verbreitet hat", erläutert Schafer. "Normalerweise waren diese Pflanzen aber gar nicht dazu bestimmt, sich in freier Wildbahn gegen andere Pflanzen durchzusetzen."
"Es gab auch zwei Fälle von mehrfachen Transgenen in einzelnen Pflanzen", erklärt Sagers. Derartige Sorten wurden kommerziell jedoch noch gar nicht eingesetzt. "Die Ergebnisse deuten deshalb darauf hin,
dass sich landwirtschaftlich genutzte Populationen miteinander fortpflanzen und sich jenseits der Äcker etabliert haben."
Vor zwei Jahren hatte eine Studie aus Schweden aufgezeigt, dass die gentechnisch veränderten Rapssamen bis zu zehn Jahren im Boden überdauern können - selbst wenn regelmäßig gepflügt oder Gift gespritzt wird. Kein Wunder: Der Gen-Raps wurde extra so modifiziert, dass er gegen Herbizide resistent ist. Schon lange weisen Kritiker von Gentechnik daher darauf hin, dass die Verwendung genmanipulierter Pflanzen nicht nur zu einer Monopolstellung von Saatgut- und Chemieunternehmen wie beispielsweise Monsanto, Bayer und BASF führen könnte. Auch die ökologischen und ökonomischen Gefahren seien noch völlig unklar. Beim Einsatz genmanipulierter Nutzpflanzen handele es sich praktisch um ein Experiment mit offenem Ausgang. Die neue Studie der US-Wissenschaftler bestätigt diese Einschätzung.
Genmanipulation in Deutschland – industrielle Interessengruppen bestimmen die politische Agenda
Der Einsatz gentechnisch veränderter Nutzpflanzen hat sich in den USA in den vergangenen Jahren erheblich gesteigert. Inzwischen wächst dort etwa die Hälfte der weltweit produzierten Gentech-Pflanzen. In Deutschland ist der Gentech-Anbau ebenso auf dem Vormarsch: Als uns die besorgniserregenden Befunde von Cynthia Sagers und Meredith Schafer aus den USA erreichten, feierte der Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) im mecklenburg-vorpommerischen Bütow gerade Hand in Hand mit der BASF-Gen-Industrie die erste Ernte der genetisch veränderten Amflora-Kartoffel.
Dabei warnen Gentechnikgegner auch hierzulande, wie beispielsweise Grünen-Sprecherin Claudia Schultz, dass Anbauflächen wie in Bütow das Risiko der unkontrollierten Ausbreitung genetisch veränderten Erbguts in Pflanzen erhöht. Brüderle indes verharmlost erwartungsgemäß die Bedenken der Umweltschützer und spricht sich deutlich für den von der EU-Kommission und anschließend von Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) genehmigten Anbau der Gen-Kartoffel, bezieht sich dabei jedoch ausschließlich dessen wirtschaftliche Vorteile:
"Biotechnologie leistet einen wichtigen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Der Wirtschaftsstandort Deutschland könne nur bestehen, wenn man den Mut habe, neue Wege zu gehen. Es müssten aber eine sinnvolle Abwägung zwischen Chancen und Risiken vorgenommen und die Ängste der Gegner ernst genommen werden."
Umweltexpertin Claudia Schultz wehrt sich vehement gegen eine solche Interessenpolitik im Dienste der Großkonzerne:
"Bei der Ernte in Büstow hat BASF nichts zu feiern. Die Pflanzen leiden an starkem Viren- und Pilzbefall. Die breite Mehrheit der Bevölkerung ist weiterhin gegen Agro-Gentechnik und BASF versucht sich mit Industriekartoffeln in den Markt einzuschleichen, weil kaum jemand Gen-Kartoffeln auf dem Teller haben will. Sogar die Industriekartoffel Amflora wird von fast allen Abnehmern in Deutschland abgelehnt. Dass die Kartoffeln nicht vernichtet, sondern als Pflanzkartoffeln verwendet werden sollen, ist ein Unding und ein Versagen der Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner."
Und schlimmer noch: Es sei nicht davon auszugehen, dass alle Amfloraknollen wieder aus der Erde geholt werden können! "Der Acker wird auf Jahre von Amflora durchzogen bleiben und kann somit nicht für die herkömmliche Kartoffelnproduktion genutzt werden. Auch ist ein Austrag auf andere Flächen beispielsweise durch Wild wahrscheinlich", so Schulz.
Die Gentechnik-Expertin von Greenpeace, Stephanie Töwe, hat die BASF-Ernteveranstaltung mit anderen Protestierenden begleitet und stellt fest: "Die BASF zeigt mit dieser Ernteaktion, wie stark ihr Einfluss auf die Politik ist. (...) Erst haben Union und FDP die Gen-Kartoffel Amflora als erste Pflanze namentlich in einem Koalitionsvertrag erwähnt und nun erscheint ausgerechnet FDP-Wirtschaftsminister Brüderle zu einem Medientermin, um seine Unterstützung für eine gesellschaftlich unerwünschte und überflüssige Gen-Pflanze zu signalisieren." Entsprechend einer Studie von Greenpeace sind mehr als drei Viertel der Bundesbürger für ein Verbot der genmanipulierten Industriekartoffel.
Lebensmittelkonzerne in der Kritik
Genmanipulation hin oder her - die aktuell heiß geführte Debatte um künstlich modifizierte Gene in Nutzpflanzen überdeckt leider auch die etlichen anderen Verfehlungen der Nahrungsmittelindustrie. Nicht ohne Grund gilt die gesamte Branche als äußert verschwiegen. Doch sollte man wissen, dass schon seit vielen Jahren mehr oder weniger zufällig vorgenommenen Genmutationen durch Chemikalien und Strahlung zum alltäglichen Geschäft von Pflanzenzüchtern weltweit gehören. Man spricht von sogenannten Mutagenesezüchtungen. Völlig unklar bleibt dabei, wo die Mutation im Genom genau liegt, warum dies zu einer Veränderung des Phänotyps der Pflanze geführt hat, und welche weiteren Konsequenzen das unter Umständen gehabt haben mag. Die Chinesen züchten so ihren Reis und Weizen. Auch andere Pflanzen werden auf diese Weise seit Jahrzehnten züchterisch bearbeitet – Langzeitschäden für Mensch und Umwelt nicht ausgeschlossen.
Um aber noch einmal auf den herbizidresistenten Raps aus den USA zurück zukommen: Man muss sich doch fragen, weshalb hat die Industrie dort überhaupt ein Interesse an einem Raps hegt, der eine Immunität gegen chemische Unkrautschutzmittel aufweist? Es ist so offensichtlich wie perfide: Auf diese Weise wird er Einsatz noch höherer Konzentrationen von Unkrautvergiftungsmittel möglich, ohne dass die Pflanzen dabei selbst Schaden nehmen! Inwieweit sich jedoch ein vermehrter Einsatz von Gift auf die menschliche Gesundheit auswirkt, wird dabei völlig ausgeblendet.
Das traurige Fazit: Große Lebensmittelkonzerne haben offenbar grundsätzlich kein Interesse daran, die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. Stattdessen streben sie ausschließlich nach einer Profitmaximierung, für dessen Kalkulation der Mensch leider nur als zahlender, jedoch unmündiger Kunde eine Rolle spielt. Dass die Industrie dabei noch von den gewählten Volksvertretern Unterstützung erhält, ist ein Armutszeugnis unserer gegenwärtigen Regierung.