Verdächtige Handy-Strahlung
Wednesday, 08. June 2011 -

Die Weltgesundheitsorganisation hat am Dienstag die von Handys ausgehende Strahlung als 'möglicherweise krebserregend' eingestuft. Bei besonders intensiven Nutzern von Mobiltelefonen bestehe ein um etwa 40Prozent erhöhtes Risiko, einen seltenen Gehirntumor, ein sogenanntes Gliom, zu entwickeln. Zu dieser Gruppe gehören Menschen, die seit zehn Jahren ein Handy nutzen und damit 30 Minuten am Tag telefonieren.

Die Wertung stammt von einer Arbeitsgruppe von 31 Fachleuten aus 14 Ländern, die bei der Internationalen Krebsforschungsagentur IARC in Lyon getagt hatten, einem Teil der UN-Organisation für Gesundheit WHO. Sie berieten über Daten einer internationalen Untersuchung, der Interphone-Studie, die von Lyon aus koordiniert worden war. Schon deren Abschlussbericht im Mai 2010 sowie vorher veröffentlichte Teilergebnisse aus einigen Ländern hatten die jetzt offizielle Risikoschätzung ergeben. Vor einem Jahr hatte die Leiterin der Studie Elisabeth Cardis, die inzwischen am Umweltforschungszentrum Creal in Barcelona arbeitet, gesagt: 'Die obersten zehn Prozent unserer Studiengruppe scheinen tatsächlich ein erhöhtes Risiko zu haben, ein Gliom zu entwickeln.' An diesem Leiden erkranken in Europa pro Jahr etwa fünf von 100.000 Menschen.

Handystrahlung wird von der WHO nunmehr in der Kategorie 2b geführt: 'possibly carcinogenic to humans' - möglicherweise krebserregend. Dazu gehören 266 Chemikalien und Tätigkeiten wie die Arbeit als Feuerwehrmann oder in einer chemischen Reinigung, Auspuffgase eines Benzinmotors, Kaffee als Risikofaktor für Blasenkrebs und das geächtete Pflanzenschutzmittel DDT. 'Die Beweislage ist stark genug, um die 2b-Klassifikation (für Handystrahlung, d. Red.) zu rechtfertigen', sagte Jonathan Samet von der University of Southern California, Leiter der Arbeitsgruppe. Die Forscher verweisen auch auf die große Anzahl von Handynutzern. Auf der Welt gebe es fünf Milliarden Mobilfunk-Verträge, hieß es in Lyon. Jeder Krebsverdacht stelle daher ein großes Gesundheitsproblem dar, sagte IARC-Direktor Christopher Wild. 'Es ist wichtig, pragmatische Maßnahmen zu ergreifen, um die Strahlenbelastung zu reduzieren, zum Beispiel Freisprecheinrichtungen zu nutzen und SMS-Nachrichten zu verschicken.'

Die Interphone-Studie hatte in 13 Ländern, unter anderem Deutschand, 5.200 Krebspatienten mit 7.700 Gesunden verglichen. Die Daten wurden in den frühen 2000er-Jahren erhoben, damals waren Mobiltelefone weniger verbreitet als heute, und es gab weniger langjährige Nutzer. Über die ganze Gruppe betrachtet, ging dem Abschlussbericht zufolge von Handys keinerlei Gefahr aus, es gebe aber 'Hinweise' darauf.

 Die Resultate wiesen allerdings auch das erhöhte Risiko für intensive Nutzer aus. 'Das ergibt ein klares, widerspruchsfreies Bild', erklärte im vergangenen Mai der Epidemiologe Eberhard Greiser, der früher ein Institut der Universität Bremen geleitet hatte. 'Eine hohe Dosis Strahlung führt im betroffenen Gewebe zum Ausbruch eines seltenen Tumors.'

Quelle: Süddeutsche, Christopher Schrader

 

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